Die Schönheit im Gebrochenen

Willi hat meine Tasse vom Tisch geworfen. Sind Katzen nicht bekannt dafür, dass sie nichts umwerfen? Nun, Willi ist blind auf einem Auge und vermutlich hat es zudem gerade sehr gut gerochen auf dem Frühstückstisch.

Da ich Willi viel mehr liebe als eine Tasse (auch wenn ich sie in einer kleinen Töpferei im letzten Urlaub auf Møn gekauft habe) war ich nicht lange betrübt über die Ecke, die jetzt fehlt. Noch ist sie dicht und ich trinke nach wie vor gerne meinen Kaffee aus dieser Tasse.

Sie erinnert mich zudem auch an das wunderbare Buch „Zerbrochen und doch ganz“ von Saki Santorelli.
Der Autor fährt am Morgen zu seiner Arbeit. Er ist der Direktor der „Stress Reduction Clinic“ von Massachusetts. Im Radio hört er über eine Ausstellungseröffnung bei der

„der Kommentator am Eröffnungstag durch die Galerie geht und den Zuhörern beschreibt, was er sieht, während er sich mit einigen Künstlern unterhält. Er steht vor einem raumfüllenden Gemälde, das aus extrem feinen geometrischen Mustern besteht, die in perfekter Beziehung zueinander stehen. Er interviewt den Maler und fragt ihn, wie er eine so präzise Arbeit mit so vielen komplizierten Details schaffen könne. Der Künstler antwortet: „Es stellt einfach das dar, was ich sehe, und das bringe ich auf die Leinwand.“ Der Künstler ist blind. Er ist von Geburt an blind gewesen.

Als nächstes hören wir etwas über einen Bildhauer. Ein großer, kraftvoll gebauter Mann, der Metall schmiedet und zusammenschweißt. Er baut riesige, manchmal turmähnliche Strukturen. Wir erfahren, dass dieser Bildhauer vor einigen Jahren sein Bein verloren hat, jedoch keine Prothese tragen kann und mit einem Bein weiterarbeitet. Er wird gefragt, ob sich seine heutigen Arbeiten von denjenigen unterscheiden, die er geschaffen habe, als er noch zwei Beine hatte. Der Mann antwortet klar und bewusst: „Das ist das, was ich jetzt mache. Das ist normal.“ Wir finden heraus, dass dieser Bildhauer ausgewählt worden war, das zentrale Werk der Ausstellung zu schaffen. Er hat eine Kugel aus Stein, vielleicht auch Marmor oder Granit, gemeißelt. Wir erfahren, dass sie vollkommen gewesen ist, mit einer ununterbrochenen, glatt polierten Oberfläche. Nachdem die Kugel fertig war, zertrümmerte der Künstler sie und setzte sie dann mit Bolzen, Metallverschlüssen und Bindemittel wieder zusammen. Jetzt steht sie – voller Brüche – in der Mitte der Galerie, in der Mitte Amerikas und trägt den Titel Zerbrochen und doch ganz.“*

Es ist selten, dass der Titel einer Übersetzung mir besser gefällt als das Original. In diesem Fall ist er perfekt gewählt, finde ich (viel besser als „Heal Thy Self“, oder?)

Das Prinzip von „Zerbrochen und doch ganz“ gibt es auch in der japanischen Handwerkskunst des kintsugi. Hierbei wird ein zerbrochenes Objekt nicht nur einfach wieder zusammengefügt. Dem Lack, der in vielen arbeitsaufwendigen Schritten aufgetragen wird, werden Gold- oder Silberpigmente zugefügt, wodurch die Brüche betont werden und das reparierte Stück eine besondere Ästhetik und Wertschätzung erhält.
Ist das nicht schön?

Ich glaube, meine Tasse bleibt einfach so wie sie ist und somit eine schöne Erinnerung, meinen Brüchen und Sprüngen möglichst ebenso viel liebevolle Wertschätzung entgegen zu bringen und sie als Teil meines Ganz-Seins anzuerkennen.

*Zerbrochen und doch ganz von Saki Santorelli ist im Arbor-Verlag erschienen.