Hammer und Tanz

Die Tatsache, dass die Welt noch nie vorhersehbar war, ist uns mit der Corona-Pandemie so global deutlich wie selten in den letzten Jahrzehnten um die Ohren gehauen worden. Wir meinten, planen zu können: Urlaube, Verabredungen mit Freunden, Geschäfte, die nächste Party. Und dann kommt ein Virus und lehrt uns das Gegenteil. 
Schlagzeilen, die vor einigen Wochen noch komplett absurd geklungen hätten, sind an der Tagesordnung: „40 Rollen Klopapier aus Schloss Kapfenburg gestohlen“, „Brite hustet Polizisten absichtlich an – sechs Monate Haft“, „Spaniens Kinder dürfen wieder raus.“, „Biden reagiert auf Trump: <Bitte trinkt kein Bleichmittel>“, „Evangelische Kirche empfiehlt Gottesdienste ohne Singen.“*

Immer noch stehe ich im Supermarkt, sehe die Abstands-Bodenmarken, die Masken tragenden Menschen und begreife nicht ganz, was hier gerade geschieht. Mein Herz ist roh und offen, schmerzt mit  dem Leid so vieler meiner Mitmenschen. Ein neues Normal stellt sich für mich noch nicht ein, obwohl mein eigener Alltag gar nicht gravierend eingeschränkt ist. Partys und große Zusammenkünfte sind mal ganz nett, fehlen mir aber nicht. Ich hocke nicht mit kleinen Kindern in einer balkonlosen 2-Zimmer-Wohnung im dritten Stock einer Großstadt und muss zudem noch das Homeoffice meistern. Ich habe es gut. Auch wenn es ein paar Wochen keine Hefe gab.
Was mich erschüttert, ist die grausame Gleichgültigkeit dieses Virus. Es macht vor niemandem Halt. Ist der Funke erst übergesprungen, lässt sich eine Pandemie nicht mehr aufhalten. Dann braucht es eine Strategie, mit ihr umzugehen. 


Und so kommen Hammer und Tanz ins Spiel. 
Der Hammer: Lockdown, Abschottung, keine Angriffsfläche bieten. Isolation, Rückzug. Je länger dieser Hammer niedergeht, um so dramatischer die Folgen für den Einzelnen: wirtschaftlich, psychisch, sozial.
Ein langfristiger Hammer ist demnach keine gute Idee.
Es folgt also der Tanz: Nach und nach mehr Lockerungen, man wagt sich wieder hervor, beobachtet, zieht sich, wenn nötig, wieder zurück. Im Falle von Corona währt dieser Tanz wohl, bis ein Impfstoff verfügbar ist.  

Mir scheint diese Strategie übertragbar zu sein auf unsere individuellen Krisen: Existensangst, Krankheit, Jobverlust, ein gebrochenes Herz. Die Wogen überrollen mich, scheinen unaufhaltbar. Um nicht unterzugehen, braucht es manchmal den Hammer: Den Rückzug, das Ausweichen, das Sich-Nicht-Aussetzen-Wollen oder -Können. Ich klebe ein dickes großes Pflaster über die Wunde oder versuche es zumindest. Lenke mich ab mit Arbeit, Shopping, zu viel Wein und Kaffee. Irgendwann aber muss ich wieder da raus. Denn unter dem Pflaster heilt es nicht. Der Tanz beginnt. Ich ziehe das Pflaster vorsichtig ab, lasse ein wenig Luft an die Wunde: Schütte einer Freundin mein Herz aus, suche mir professionelle Hilfe, gehe auf die Yogamatte, schreibe in mein Tagebuch, weine, schreie, fluche, stelle mich den Wellen. Und manchmal halte ich es nicht mehr aus und klebe das Pflaster wieder fest. Verschließe mich wieder, aber vielleicht nicht mehr ganz so fest. Und tanze schließlich erneut, bis die Wunde verheilt oder zumindest vernarbt ist.  

„Du kannst die Wellen nicht aufhalten. Aber du kannst  lernen, zu surfen.“ Dieser schöne Satz von Jon Kabat-Zinn ist mittlerweile ein Klassiker der Achtsamkeitszitate. 
Ich lerne seit 34 Jahren mit Hilfe von Yoga und Meditation Surfen  – und falle immer noch vom Brett. 
Ich weiß nicht, wie und wo ich ohne meine Praxis wäre. Aber ich möchte glauben, dass sie mir schon einige Male wieder aufs Surfbrett geholfen hat. Und dafür bin ich sehr dankbar. 

Was gibt Euch den Mut, sich den Wellen zu stellen? Wer oder was ermöglicht Euch den Tanz? 


*@FabianEberhard auf Twitter

https://medium.com/@tomaspueyo/coronavirus-the-hammer-and-the-dance-be9337092b56